Auswirkungen
von “Imperium und Sacerdotium” in der Neuzeit nach der industriellen
Revolution
Die Dynamik von Imperium (weltliche Macht) und
Sacerdotium (geistliche Macht) endete nicht im
Mittelalter. Nach der Industriellen Revolution transformierte sich
dieser alte Konflikt radikal.
Das “Imperium” wurde zum modernen Nationalstaat (und
später zum totalitären Staat), das “Sacerdotium” wandelte sich zur
moralischen Instanz (Kirche, später auch
Menschenrechte/Zivilgesellschaft).
Es folgen die Auswirkungen dieses Spannungsfeldes in der Neuzeit,
spezifisch unter dem Einfluss der Industrialisierung:
1. Der
Kampf um die Loyalität der Massen (Die Soziale Frage)
Mit der Industriellen Revolution entstand die Arbeiterklasse
(Proletariat). Beide Mächte konkurrierten nun nicht mehr um die
Einsetzung von Bischöfen, sondern um die Kontrolle über die
Gesellschaft.
- Das neue Imperium (Der Staat): Der Staat erkannte,
dass er die Loyalität der Massen brauchte. Er führte die
Sozialversicherung ein (Bismarck), übernahm das Bildungswesen und führte
die Zivilehe ein. Er drängte die Kirche aus ihrer Rolle als alleiniger
Versorger (Armenfürsorge) und Erzieher.
- Das neue Sacerdotium (Die Kirche): Die Kirche
verlor ihre feudale Machtbasis, entdeckte aber die “Soziale Frage”.
Durch Sozialenzykliken (z.B. Rerum Novarum, 1891) und Vereine
(Caritas, Diakonie, Gesellenvereine) versuchte sie, eine Alternative zum
“gottlosen” Sozialismus und zum kapitalistischen Staat zu bieten.
2. Der
“Kulturkampf”: Der Höhepunkt des Konflikts
Im 19. Jahrhundert eskalierte der Konflikt erneut, am deutlichsten im
deutschen Kulturkampf (ca. 1871–1887). Dies war quasi
eine Neuauflage des Investiturstreits unter industriellen
Vorzeichen.
- Der Anspruch des Staates: Reichskanzler Bismarck
sah die katholische Kirche als Feind der nationalen Einheit
(“Reichsfeinde”), weil sie einem “ausländischen Herrscher” (dem Papst)
gehorchte.
- Die Reaktion: Der Staat erließ Gesetze, die der
Kirche die Schulaufsicht entzogen (Kanzelparagraph,
Schulaufsichtsgesetz).
- Das Ergebnis: Ähnlich wie im Mittelalter konnte der
Staat das “Sacerdotium” nicht brechen. Stattdessen formierte sich der
politische Katholizismus (Zentrumspartei), was zur modernen
Parteiendemokratie beitrug.
3. Säkularisierung und
Entzauberung
Die industrielle Moderne führte zur Trennung der Sphären, die im
Mittelalter noch theoretisch vereint waren.
- Verlust der Deutungshoheit: In einer technisierten
Welt wurden Krisen nicht mehr als Strafe Gottes (Domäne des
Sacerdotiums), sondern als lösbare Probleme (Domäne des Imperiums/der
Technik) gesehen.
- Privatisierung der Religion: Religion wurde zur
Privatsache. Das “Sacerdotium” verlor seine öffentliche Zwangsgewalt und
wurde zur reinen Gewissensmacht.
4.
Das 20. Jahrhundert: Totalitäres “Imperium” ohne “Sacerdotium”
Eine düstere Auswirkung zeigte sich, wenn das Gleichgewicht völlig
kippte. Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts
(Nationalsozialismus, Stalinismus) können als Versuch des “Imperiums”
gesehen werden, das “Sacerdotium” komplett zu verschlingen.
- Politische Religionen: Diese Staaten duldeten keine
Macht neben sich. Sie boten eigene “Heilslehren” und Rituale an. Der
Staat wurde zum absoluten Sinnstifter.
- Die Rolle der Kirche: Wo das Sacerdotium widerstand
(z.B. Bischof von Galen, Bekennende Kirche), übernahm es seine alte
Funktion: Eine Grenze zu ziehen, die der Staat nicht überschreiten darf
(Gewissen vs. Macht).
5. Das heutige Erbe:
Das “Böckenförde-Diktum”
In der modernen Demokratie wirkt das Spannungsverhältnis in einer
befriedeten, aber essenziellen Weise fort. Der Verfassungsrechtler
Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte es so:
“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von
Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.”
Was ist ein säkularisierter Staat?
Ein säkularisierter Staat ist ein Staat, der sich in seinen
Angelegenheiten, Gesetzen und öffentlichen Institutionen von religiösen
Institutionen und Überzeugungen trennt.
Das bedeutet:
- Das Imperium (der Staat) sorgt für Ordnung, Straßen
und Gesetze (Hardware).
- Es ist aber auf ein Sacerdotium (Werte, Ethik,
Religion, Zivilgesellschaft) angewiesen, um den Menschen einen inneren
moralischen Kompass zu geben (Software). Der Staat selbst kann keinen
Sinn stiften, ohne totalitär zu werden.